Réveil
Réveil (französisch: Erweckung) ist der Name einer ab 1814 entstandenen Erweckungsbewegung vorwiegend innerhalb der reformierten Kirche Genfs, der Westschweiz und Frankreichs.[1]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die deutsche Wanderpredigerin und Schriftstellerin Juliane von Krüdener (1764–1824) trat im Jahr 1813 in Genf auf. Sie beschuldigte die reformierte Staatskirche des Abfalls vom wahren Christentum, sie liess die Gläubigen sich in Hauskreisen sammeln und legte Wert auf einen gottgefälligen Lebenswandel. Daraufhin verbot die Kirchenleitung alle religiösen Versammlungen, die nicht staatlich organisiert waren. In privaten Kreisen wurden die Treffen trotzdem weitergeführt, so auch der wachsende Bibel- und Gebetskreis des jungen Pfarrers Louis Gaussen (1790–1863)[2], wo das Wort Gottes ernst genommen und auf die verschiedenen Lebensbereiche angewendet wurde. Unter dem Einfluss des schottischen Laienpredigers Robert Haldane (1764–1842), der den Römerbrief auslegte, gab es 1815 in Genf eine erste Erweckungsbewegung, zuerst vorwiegend unter interessierten Theologiestudenten. Als der Genfer reformierte Pfarrer César Malan (1787–1864) in einer Predigt betonte, dass der sündige Mensch allein durch Gottes Gnade in Jesus Christus gerettet werde, begann sich die Kirchenleitung einzumischen. Sie wollte die Pfarrer durch ein Reglement vom 3. Mai 1817 verpflichten, bestimmte strittige Themen in den Predigten nicht mehr zu erwähnen. Manche Pfarrer weigerten sich, dieses Reglement zu unterschreiben, und so entstanden in Genf verschiedene unabhängige christliche Gemeinden (französisch: Église indépendente), die erste entstand am 21. September 1817. Bereits 1824[3] gründete Malan eine zweite freie Gemeinde mit dem Namen Eglise du Témoignage (Kirche des Zeugnisses).
1831 wurde der bibeltreue Pfarrer Gaussen seines Amtes enthoben, seine Freunde und er riefen die Evangelische Gesellschaft ins Leben. Sie liessen die Chapelle de l’Oratoire erbauen, die 4.000 Sitzplätze umfasste. 1832 wurde die École de Théologie gegründet, die die erste staatsunabhängige theologische Fakultät der Schweiz war, 89 Jahre Bestand haben sollte und Pfarrer ausbilden konnte. Gaussen unterrichtete hier Dogmatik und veröffentlichte 1840 sein Hauptwerk Théopneustie, in dem er die göttliche Inspiration der Bibel verteidigte. 1860 erschien dann seine Schrift Der Kanon der Heiligen Schriften.[4] Neben Gaussen und Malan gehörten auch Ami Bost, Henri-Louis Empeytaz, Antoine Jean-Louis Galland und Adolphe Monod zu den führenden Personen des Réveils. Im Jahr 1848 vereinigten sich die verschiedenen Dissidentengemeinden zu einer evangelischen Freikirche (Église libre), welche seitdem neben der reformierten Staatskirche (Église nationale) besteht. Der Genfer Réveil war der Ausgangspunkt der Erweckung im französischen Protestantismus.[5]
In Paris konnte der Réveil vor allem in den Salons Fuß fassen, so bei Madame Germaine de Staël (1766–1817), die sich für den Kampf gegen die Sklaverei einsetzte, und bei ihrer Tochter, der Herzogin von Bröglie. Eine unabhängige Gemeinschaft, vorwiegend bestehend aus gebildeten Leuten, traf sich in der Kapelle Taitbout und unterstützte die wachsende protestantische Wohltätigkeitsarbeit massgeblich.[6]
Ab dem Jahr 1825 wurde die Erweckung durch den Genfer Prediger Félix Neff (1798–1829) südwärts in Hautes-Alpes und die Waldenser-Täler getragen.[7] Mittels Evangelisation, Alphabetisierung und Schulbildung erzielte er in wenigen Jahren grosse Auswirkungen und konnte in diesen abgelegenen Regionen eine wirtschaftliche Entwicklung anstossen.[8]
Im benachbarten Waadtland entstand 1847 ebenfalls eine reformierte Freikirche, deren geistige Väter Alexandre Vinet und Charles Monnard waren.[9]
Das religiöse Denken des Schriftstellers Urbain Olivier (1810–1888) war von dieser Erweckungsbewegung geprägt.[10]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gabriel Mützenberg: A l’écoute du Réveil, Emmaüs, 1991.
- Christine Stuber: «Que ce réveil est beau!» Zur Erweckungsbewegung in Bern von 1818 bis 1831, Berner Zeitschrift für Geschichte, Bern 2000.[11]
- Peter H. Uhlmann: Le Réveil − Die Genfer Erweckungsbewegung. Die Wiege der Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland, Heimenhausen 1996 und 2015.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Forschungsstelle Neupietismus: Grundinformationen zum Neupietismus. Die Erweckungsbewegung, Evangelische Hochschule Tabor, Marburg, Website eh-tabor.de.
- Ulrich Gäbler: Erweckungsbewegungen. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- Die Erweckungsbewegungen, Musée protestant, Website museeprotestant.org (2026).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Die Erweckungsbewegungen, Musée protestant, Website museeprotestant.org (2026, abgerufen am 1. Juni 2026)
- ↑ Peter H. Uhlmann: Le Réveil − Die Genfer Erweckungsbewegung. Die Wiege der Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland, Heimenhausen 1996 und 2015, S. 6
- ↑ Christine Stuber: «Que ce réveil est beau!» Zur Erweckungsbewegung in Bern von 1818 bis 1831, Website bezg.ch (2000, abgerufen am 3. Juni 2026, S. 14–16)
- ↑ Peter H. Uhlmann: Le Réveil − Die Genfer Erweckungsbewegung. Die Wiege der Freien Evangelischen Gemeinden in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland, Heimenhausen 1996 und 2015, S. 10–12
- ↑ Gerhard Lindemann: Für Frömmigkeit in Freiheit. Die Geschichte der Evangelischen Allianz im Zeitalter des Liberalismus (1846-1879). Lit, Berlin 2011, ISBN 978-3-8258-8920-3, S. 29–30.
- ↑ Bernard Reymond: Alexandre Vinet (1797-1847), Musée protestant, Website museeprotestant.org (2026, abgerufen am 3. Juni 2026)
- ↑ Klaus Fitschen: Protestantische Minderheitenkirchen in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2008, ISBN 978-3-374-02499-5, S. 58.
- ↑ Die Erweckungsbewegungen, Musée protestant, Website museeprotestant.org (2026, abgerufen am 2. Juni 2026)
- ↑ Bernard Reymond: Alexandre Vinet (1797-1847), Musée protestant, Website museeprotestant.org (2026, abgerufen am 2. Juni 2026)
- ↑ Françoise Châtelain: Olivier, Urbain. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ Christine Stuber: «Que ce réveil est beau!» Zur Erweckungsbewegung in Bern von 1818 bis 1831, Website bezg.ch (2000, abgerufen am 1. Juni 2026, als pdf, mit Hinweisen auf Genf, S. 14–16)